Parasiten II - Der Kleine Leberegel


Es gibt Dinge die unglaublich sind, weil sie so unwahrscheinlich sind. Ein gutes Beispiel dafür ist wohl der kleine Leberegel. Dieser legt einen langen Weg zurück, bis er schließlich zu seinem Endwirt gelangt. Insgesamt drei Mal muss der kleine Leberegel seine Wirte wechseln, bis er an sein Ziel gelangt ist. Wollen wir uns anschauen, wie die lange Reise von Dicrocoelium dendriticum verläuft.

Es ist früh am Morgen irgendwo auf einer grünen Weide. Hier wird in der nächsten Zeit sehr viel passieren. Gerade ist eine Schnecke dabei etwas Grün zu verspeisen. Sie weiss aber nicht, dass sie gerade ein Vorstadium des Kleinen Leberegels, eine Miracidien, mit frisst. Alles passiert ganz schnell, zumindest aus der Sicht der Schnecke. Im Körper der Schnecke angelangt, bilden die Miracidien eine weitere Vorform, die so genannten Cercarien. Diese wandern durch das Darmepithel in die Atemhöhle und verursachen dort einen starken Husten, der nicht eher aufhört, bis die Schnecke einen Schleimbrocken aushustet.

Alles schon vorbei? Nein, jetzt beginnt ein weiterer sehr unglaublicher Schritt. In der Tat sind diese Schleimbrocken für Ameisen eine Delikatesse. Sie fressen sie mit großer Vorliebe und gehen damit einen Schritt in ihren eigenen sicheren Tod. Die Cercarien durchwandern den Verdauungstrakt der Ameisen und gelangen in die Leibeshöhle der Ameise. Hier entwickelt sich aus einer einzigen Cercarie der so genannte Hirnwurm, der gezielt in das Gehirn (genauer zum Unterschlundganglion) wandert.

Es folgt ein Schritt, der kaum zu glauben ist. Sie beißen sich im Hirn fest und bewirken ein neues Verhalten der Ameisen. Diese krabbeln am Abend auf die Spitze eines Grashalmes, um dort bis zum nächsten Morgen auszuharren. Damit die Ameise auch oben bleibt, verursacht der Hirnwurm einen Krampf, der die Ameise veranlasst sich nicht mehr zu bewegen. Passiert nichts, kehrt die Ameise wieder zu ihrem Staat zurück, um sich am Abend erneut auf einen Grashalm zu begeben. Was der Sinn der ganzen Wanderei ist? Nun, zum Glück von unserem Kleinen Leberegel und zum Unglück der Ameise frisst des Morgens ein Schaf oder ein Rind nicht nur frisches Grün, sondern auch die besagte Ameise. Vom Schaf oder von der Kuh ist es zum Menschen nicht mehr so weit. Wie man sich denken kann, wird durch den Verzehr des Fleisches der Leberegel übertragen.

Jetzt ist der kleine Leberegel endlich in seinem Endwirt angekommen. In einem Säuger kann sich nun der kleine Leberegel entwickeln (siehe Bild). Dieser gibt nun wieder Miracidien ab, die über den Kot des Wirtes ausgeschieden werden. Und alles beginnt wieder von vorne. Der Weg ist lang und wirklich unglaublich. Er ist aber wirklich wahr.


Ein weiteres Beispiel für einen unglaublichen Weg vollführt zum Beispiel auch Leucochloridium (Bild links). Dieser gelangt in seinen Endwirt (meist Greifvögel) über Bernsteinschnecken.

Ist Leucochloridium erst einmal in der Schnecke, vermehrt er sich in Massen und wandert in die Fühler der Schnecke. Dort vollführen sie eine pulsierende Bewegung der nun dicken Schneckenfühler. Dieses „Winken“ macht viele Vögel erst richtig aufmerksam und lässt sie glauben einen Wurm vor sich zu haben.

Machen wir es kurz. Schnipp, schnapp, die Fühler ab. Und schon ist der Leucochloridium in seinem Endwirt. Der Weg ist zwar nicht lang, aber dennoch spektakulär.


Eines sei an diesem Punkt angemerkt. Hätte das Schaf die Schnecke gefressen, wäre nichts passiert, denn (wie beim Malariaerreger Plasmodium spec.) der Erreger muss(!) bestimmte Entwicklungsstadien in bestimmten Organismen durchlaufen, sonst ist seine Entwicklung gestört, also abgebrochen.


So unglaublich all das hier genannte auch klingt, es muss effektiv sein, denn sonst hätte es sich in der Evolution nicht durchgesetzt.


Bildnachweis:

http://www.k-state.edu/parasitology/546tutorials/PLATYFIG01.JPG

http://www.uni-bielefeld.de/biologie/Didaktik/Zoologie/html_deutsch/pics/Leucochloridium02.jpg

http://www.ohg-landau.de/ohg/biolk/images/neuroanatomie/schlundganglione.JPG

Kommentare:

  1. Danke, diese sehr schön geschriebene Erklärung hat meinen trockenen Zoologie Stoff für die Uni sehr aufgeheitert!

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  2. Danke für die Info - soweit ich weiss, "steuert" der Parasit in den Fühlern die Bernsteinschnecke derart, dass diese auf die Blattoberseite kriechen, obwohl sie sich normalerweise auf der Blattunterseite vor den Vögeln verstecken. Dadurch ist die Schnecke einem Vogelangriff schutzlos ausgeliefert - die pusierenden, farbigen Fühler erledigen den Rest...

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  3. 1. Das erste Bild oben passt nicht zum Leberegel und 2. singular ist Miracidium!

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  4. Ich finde diesen Text sehr gut, da alles sehr gut beschrieben ist, und es sehr leicht verständlich ist, auch für junge Schüler.

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  5. Als Tierarzt kenne ich den Zyklus schon lange und immer hat er mich zu der Frage geführt, wie er entstanden sein kann. Wenn man sich in den Zyklus reindenkt, komme ich zu der Überzeugung bzw. Annahme, dass er eigentlich nicht entstanden sein kann - da Irrtümer in der Kette immer zur Auslöschung geführt hätten. Doch das ist Ansichtssache. Hochgradig spannend finde ich den Schritt, in dem EINE (wer entscheidet, welche?) Zerkarie in der Ameise zum "Hirnwurm" wird und ins Unterschlundganglion einwandert. Dort "programmiert" sie die Ameise um (was macht sie da eigentlich? weiß sie, wo die Synapsen oder Zentren für das Verhalten liegen? etc etc) ... Tatsachen, die beeindrucken! Tatsachen, deren Herleitung mehr Fragen aufwirft als gibt. Grüße, Karl

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  6. Ich finde diesen Bericht immer wieder gut. Immer wenn ich an den Leberegel denke, sehe vor meinem inneren Auge die Ameise, welche sich fluchend am Grashalm festbeißt :-)
    Danke für den tollen Text der uns die Wunderwelt Natur wieder ein Stück näher bringt!!!

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  7. Stimmt es das wenn dieser Wurm zb im endstadium in den Menschen gelangt , das diese Soizit Selbstmord Gefährdet sind ?? Hat Mir Ein Züchter und Fleischer Erzählt :) Oder hängt das mit Rinderwan ect zusammen ? Heikles thema .

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  8. alles ist seh gut beschrieben

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